Was ist SIBO?

Du möchtest wissen, was SIBO eigentlich ist, woher es kommt und welche Ursachen es dafür gibt? Hier erfährst du mehr.

08. Juni 2026
Dr. Thomas Bacharach

DR. THOMAS BACHARACH

Facharzt für Allgemeinmedizin

🕑 Lesezeit: 9–11 Minuten

👆 Das Wichtigste in Kürze

  • SIBO bedeutet Small Intestinal Bacterial Overgrowth, also eine bakterielle Überwucherung bzw. Fehlbesiedlung des Dünndarms. Typisch sind Blähbauch, Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung oder wechselnde Stuhhngewohnheiten.1,3
  • Die Beschwerden überschneiden sich stark mit Reizdarm. Deshalb ist SIBO keine reine „Bauchgefühl-Diagnose“, sondern sollte bei passender Symptomatik und Risikofaktoren gezielt abgeklärt werden, häufig mittels Wasserstoff- und Methan-Atemtest.1,2,4
  • Die Therapie besteht meist aus mehreren Bausteinen: Antibiotika, häufig Rifaximin oder andere ärztlich ausgewählte Präparate, eine angepasste Ernährung und vor allem die Behandlung von Ursachen wie Motilitätsstörungen, anatomischen Veränderungen oder Begleiterkrankungen.1,2,3,6

✔ Quellenbasiert:
Dieser Beitrag orientiert sich an gastroenterologischen Fachquellen, Leitlinien-Empfehlungen, Übersichtsarbeiten und patientennahen Informationen der American Gastroenterological Association. Wichtig ist: SIBO ist behandelbar, aber häufig multifaktoriell und rückfallgefährdet. Eine gute Diagnostik und Ursachenbehandlung sind deshalb entscheidend.1,2,3,6

Was ist SIBO? Dünndarmfehlbesiedlung einfach erklärt: Symptome, Ursachen, Diagnose und Therapie

1. Was ist SIBO?
2. Typische Symptome und Abgrenzung zum Reizdarm
3. Wie entsteht eine bakterielle Fehlbesiedlung?
4. Diagnose: Atemtest, Wasserstoff, Methan und IMO
5. Standardtherapie: Antibiotika, Ernährung und Ursachenbehandlung
6. Probiotika, Präbiotika und Ballaststoffe bei SIBO
7. Was heißt das konkret für dich?
8. FAQ: Die wichtigsten Fragen zu SIBO
9. Glossar
10. Quellen

1. Was ist SIBO?

Bei SIBO steht die Abkürzung für Small Intestinal Bacterial Overgrowth. Gemeint ist eine bakterielle Überwucherung im Dünndarm. Bakterien, die normalerweise vor allem im Dickdarm in größerer Menge vorkommen, siedeln sich im Dünndarm an oder vermehren sich dort übermäßig. Auf Deutsch spricht man deshalb von einer Dünndarmfehlbesiedlung oder Dünndarmfehlbesiedelung.1,3

Der Dünndarm ist nicht steril, aber normalerweise deutlich anders und meist geringer bakteriell besiedelt als der Dickdarm. Wenn dort zu viele oder ungünstig zusammengesetzte Mikroorganismen aktiv sind, können sie Nahrungsbestandteile zu früh vergären. Dabei entstehen Gase und Stoffwechselprodukte, die Beschwerden wie Blähbauch, Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung auslösen können.1,3,6

SIBO ist daher nicht einfach eine „Infektion“ wie ein klassischer Magen-Darm-Infekt. Häufig ist SIBO Ausdruck eines gestörten Gesamtsystems aus Darmbeweglichkeit, Anatomie, Verdauungssekreten, Magensäure, Immunsystem und Mikrobiom.1,3

SIBO in einem Satz

SIBO bedeutet: Im Dünndarm befinden sich zu viele oder ungünstig aktive Mikroorganismen, die Nahrung vorzeitig vergären, Gase bilden, die Verdauung stören und bei manchen Betroffenen auch die Aufnahme von Nährstoffen beeinträchtigen können.1,3

Warum der Dünndarm so empfindlich reagiert

  • Im Dünndarm findet ein großer Teil der Nährstoffaufnahme statt.
  • Wenn Bakterien dort Kohlenhydrate vergären, entstehen Gase wie Wasserstoff und teilweise auch Methan.4,6
  • Bei ausgeprägter oder länger bestehender SIBO können Nährstoffmängel, z.B. Vitamin-B12-Mangel, Fettverdauungsstörungen oder Gewichtsveränderungen auftreten.1,3,6

Blähbauch, Reizdarm oder SIBO? Genau hier lohnt sich eine saubere Einordnung.

SIBO kann Beschwerden erklären, die oft vorschnell als Reizdarm eingeordnet werden. Entscheidend sind jedoch eine gezielte Diagnostik, die Unterscheidung von Wasserstoff- und Methan-Mustern und ein individueller Therapieplan.

Hier findest du weitere Informationen rund um SIBO, Atemtests, Ernährung und sinnvolle Therapie-Bausteine.

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2. Typische Symptome und Abgrenzung zum Reizdarm

Die Beschwerden bei SIBO sind oft unspezifisch. Genau deshalb werden viele Betroffene zunächst als Reizdarm bzw. Reizdarmsyndrom eingeordnet. Das ist nachvollziehbar, weil sich die Symptome stark überschneiden. Bei einem Teil der Reizdarm-Patienten kann eine Dünndarmfehlbesiedlung jedoch ein mitwirkender Faktor sein.1,2,6

Häufige Symptome bei SIBO

  • VerlinkungBlähbauch und sichtbare Gasbildung nach dem Essen.
  • VerlinkungBlähungen, oft mit Druckgefühl oder unangenehmem Geruch.
  • VerlinkungBauchschmerzen, Krämpfe oder Völlegefühl.
  • Durchfall, Verstopfung oder ein Wechsel beider Stuhlgewohnheiten.
  • Übelkeit, Aufstoßen, Völlegefühl oder Beschwerden im Oberbauch.
  • Müdigkeit, Gewichtsveränderungen oder Hinweise auf Nährstoffmängel, z.B. Vitamin-B12-Mangel.1,3,6

SIBO, Reizdarm und IMO im Vergleich

Begriff Was gemeint ist Wichtige Einordnung
VerlinkungSIBO Bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms Kann Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung und Nährstoffmängel verursachen; Diagnose meist über Atemtest oder in speziellen Fällen Dünndarmaspirat.1,3,4
Reizdarm Funktionelle Darmerkrankung mit wiederkehrenden Bauchbeschwerden und veränderten Stuhlgewohnheiten Symptome können SIBO ähneln. Die Rolle von SIBO bei Reizdarm ist relevant, aber nicht bei jedem Betroffenen die alleinige Erklärung.1,2
IMO Intestinal Methanogen Overgrowth, also Überwucherung methanbildender Archaeen Wird besonders mit Verstopfung in Verbindung gebracht. Methanbildner sind keine Bakterien, sondern Archaeen; deshalb spricht man zunehmend von IMO statt „Methan-SIBO“.2,8
Nahrungsmittelunverträglichkeiten Beschwerden durch schlecht verdaute oder schlecht aufgenommene Nahrungsbestandteile Können ähnliche Symptome machen und Atemtests verfälschen oder begleiten. Eine strukturierte Diagnostik ist daher wichtig.4,6

3. Wie entsteht eine bakterielle Fehlbesiedlung?

Die Ursachen für SIBO sind vielfältig. Meist kommt nicht nur ein einzelner Auslöser infrage, sondern mehrere Faktoren greifen ineinander. Entscheidend ist: Der Körper besitzt normalerweise Schutzmechanismen, die verhindern, dass sich zu viele Bakterien im Dünndarm ansammeln. Dazu gehören Magensäure, Galle, Bauchspeicheldrüsensekrete, die Ileozökalklappe und die regelmäßige Reinigungsbewegung des Dünndarms, der sogenannte wandernde motorische Komplex.1,3,10

Häufige Auslöser und Risikofaktoren

  • Gestörte Beweglichkeit des Dünndarms, z.B. nach Infektionen, bei Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, neurologischen Erkrankungen oder systemischen Erkrankungen.3
  • Anatomische Veränderungen, etwa nach Operationen, bei Verwachsungen, Engstellen, Blind Loops oder Dünndarmdivertikeln.3
  • Verminderte Magensäure, z.B. durch Achlorhydrie oder möglicherweise im Zusammenhang mit langfristiger Säureblocker-Einnahme bei entsprechender Ausgangslage.3,10
  • Störungen von Galle und Bauchspeicheldrüse, die die Verdauung und bakterielle Kontrolle im Dünndarm beeinträchtigen können.3
  • Wiederholte Antibiotika-Therapien, bestimmte Medikamente oder chronische Grunderkrankungen, die die Darmflora und Motilität beeinflussen können.1,10
  • Post-infektiöse SIBO:  Ein oft unterschätzter Auslöser für SIBO sind akute Magen-Darm-Infektionen, etwa eine Lebensmittelvergiftung im Urlaub durch Bakterien wie Campylobacter, Salmonella oder bestimmte E. coli-Stämme. Epidemiologische Studien zeigen, dass eine solche akute Gastroenteritis einer der stärksten Risikofaktoren für die Entwicklung eines postinfektiösen Reizdarms ist – und bei einem Teil dieser Patienten findet sich zusätzlich eine SIBO. Der Mechanismus dahinter: Die Infektion kann das enterische Nervensystem (die „Nerven des Darms“) und die Darmmotilität dauerhaft beeinträchtigen.11,12

Was ist SIBO – und warum kommt es so oft wieder?

Bei SIBO (Dünndarmfehlbesiedlung) denken viele zuerst an „zu viele Bakterien im Dünndarm“ – und daran, diese mit Antibiotika oder pflanzlichen Mitteln wieder loszuwerden.1,2
Mindestens genauso wichtig ist aber die Frage, warum die Fehlbesiedlung überhaupt entstehen konnte – und was getan wird, um Rückfälle zu verhindern.2,9

Das Rezidiv-Problem: Warum SIBO so häufig zurückkommt

Studien und klinische Beobachtungen zeigen, dass SIBO nach zunächst erfolgreicher Behandlung häufig wiederkehrt: In Kohorten, die mit Rifaximin behandelt wurden, lagen die Rückfallraten innerhalb von 9–12 Monaten teils bei rund 40–60 %.3,4,9
Das bedeutet: Viele Betroffene fühlen sich nach einer Therapie zunächst besser – und stehen nach einigen Monaten wieder am Anfang.

Aus praktischer Sicht passiert ein Rückfall fast immer dann, wenn zwar die Bakterienlast reduziert wurde, die zugrunde liegende Ursache aber unverändert geblieben ist.2,9 Dazu gehören zum Beispiel:

  • eine verlangsamte Darmmotilität (z. B. durch Störungen des Migrating Motor Complex (MMC), Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes),
  • chronische Einnahme von Protonenpumpenhemmern (Magenschutz),
  • anatomische Besonderheiten wie Verwachsungen oder blinde Schlingen,
  • oder ausgeprägtes Dauersnacking ohne längere Verdauungspausen. Dann kann die körpereigene Darmreinigung nicht arbeiten. Um dies zu verhindern, sollten Essenspausen zwischen den Mahlzeiten von 4-5 Stunden eingehalten werden, mindestens 12 Stunden Nachtfasten und ggf. Bitterstoffe und Ingwer hilfreich sein.

Wird nur „dekontaminiert“, aber die Motilität nicht verbessert und auslösende Faktoren nicht adressiert, ist der Dünndarm wie ein Hausflur ohne Hausmeister: Er wird einmal gründlich gereinigt – und verschmutzt dann wieder.

4. Diagnose: Atemtest, Wasserstoff, Methan und IMO

Zur Diagnose einer Dünndarmfehlbesiedlung wird in der Praxis häufig ein Atemtest eingesetzt. Dabei trinkst du eine definierte Zuckerlösung, meistens Glukose oder Laktulose. Anschließend wird in bestimmten Zeitabständen gemessen, wie viel Wasserstoff und Methan du ausatmest.2,3,4

Der Hintergrund: Menschliche Zellen produzieren diese Gase nicht selbst in relevanter Menge. Sie entstehen vor allem, wenn Mikroorganismen Kohlenhydrate vergären. Ein früher und deutlicher Anstieg kann deshalb auf mikrobielle Aktivität im Dünndarm hinweisen.4,10

Was beim Atemtest gemessen wird

Messwert Mögliche Bedeutung Typische Einordnung
Wasserstoff Entsteht durch bakterielle Fermentation von Kohlenhydraten. Ein früher deutlicher Anstieg im Atemtest spricht für eine wasserstoffdominante SIBO.2,4
Methan Wird vor allem von methanbildenden Archaeen produziert. Ein erhöhter Methanwert wird häufig mit IMO und Verstopfung in Verbindung gebracht.2,8
Kombination Wasserstoff und Methan können gemeinsam erhöht sein. Die Symptomatik kann gemischt sein; Therapie und Ernährung sollten individuell angepasst werden.4,10

Ein Atemtest ist praktisch und nicht invasiv, aber nicht perfekt. Vorbereitung, Substratwahl, Transitzeit, Medikamente, Ernährung vor dem Test und Auswertung beeinflussen das Ergebnis. Deshalb sollte der Test immer im klinischen Kontext interpretiert werden.1,4

Weitere Diagnostik

Je nach Situation kann dein Arzt zusätzlich Blutwerte, Nährstoffmarker, Entzündungszeichen, Schilddrüse, Zöliakie-Diagnostik, Stuhluntersuchungen oder bildgebende Verfahren veranlassen. In besonderen Fällen gilt die quantitative Kultur aus Dünndarmaspirat als direkterer Nachweis, ist aber invasiv und wird deshalb nicht routinemäßig bei jedem Patienten eingesetzt.1,3

5. Standardtherapie: Antibiotika, Ernährung und Ursachenbehandlung

Die gute Nachricht: SIBO ist behandelbar. Gleichzeitig braucht die Therapie oft mehrere Bausteine, weil die Fehlbesiedlung häufig Ausdruck eines tieferliegenden Problems ist. Moderne Empfehlungen betonen deshalb drei Ziele: Überwucherung reduzieren, Nährstoffmängel korrigieren und zugrunde liegende Ursachen behandeln.1,2,3

1. Antibiotika – häufig Rifaximin, aber immer ärztlich

Antibiotika werden bei symptomatischer SIBO eingesetzt, um die bakterielle Überwucherung zu reduzieren und Beschwerden zu bessern. Rifaximin ist eines der am besten untersuchten und häufig verwendeten Antibiotika bei SIBO. Es wirkt vor allem lokal im Darm und wird nur gering systemisch aufgenommen.2,5

Studien und Metaanalysen zeigen, dass Rifaximin bei vielen Patienten Atemtestwerte und Beschwerden verbessern kann. Dennoch ist die Studienlage nicht in allen Untergruppen gleich stark, und die Therapie sollte immer ärztlich geplant werden: Dosierung, Dauer, Wiederholung und Kombinationen hängen von Symptomtyp, Atemtestmuster, Vorerkrankungen und Risiken ab.1,2,5

Bei methandominanten Befunden bzw. IMO wird in der Fachliteratur teilweise eine Kombinationstherapie diskutiert, z.B. Rifaximin plus ein weiteres Antibiotikum. Das gehört jedoch besonders sorgfältig in ärztliche Hand, weil Methanbildner keine klassischen Bakterien sind und Antibiotika nicht unkritisch eingesetzt werden sollten.2,8

Pflanzliche Alternativen: Wenn Rifaximin nicht passt – oder nicht gewünscht ist

Rifaximin gilt als Standardtherapie bei SIBO und ist in Studien gut untersucht. Gleichzeitig wünschen sich viele Betroffene pflanzliche Alternativen – etwa weil sie klassische Antibiotika nicht vertragen, ablehnen oder schon mehrere Antibiotika-Runden hinter sich haben. Hier kommen pflanzliche Protokolle ins Spiel, die in funktionell-medizinischen Konzepten häufig verwendet werden, zum Beispiel:

  • Oregano-Öl (Carvacrol/Thymol-haltig),
  • Berberin, Neem (Achtung: in der EU als Novel Food eingestuft; Einsatz und Dosierung sollten daher stets im Rahmen der jeweils geltenden EU‑Novel‑Food‑Regelungen und unter fachlicher Beratung erfolgen)
  • Knoblauch-/Allicin-Extrakte,
  • oder Kombinationen daraus wie in den Präparaten FC‑Cidal und Dysbiocide.

Eine oft zitierte Studie aus einem Spezialzentrum fand, dass solche Kräuter-Kombinationspräparate in ihrer Praxis eine ähnliche Atemtest-Normalisierung erzielten wie Rifaximin – und auch bei Rifaximin-Non-Respondern noch wirksam sein konnten.1,8,10
Wichtig für die Einordnung: Es wurden immer Kombinationspräparate geprüft, nicht Oregano-Öl oder Berberin als Einzelwirkstoff, und die Studienqualität (retrospektives Design) ist begrenzt.1,10

Dennoch sind solche Protokolle eine relevante Option für Menschen, die mit klassischer Schulmedizin alleine nicht weiterkommen oder sich eine integrativ ausgerichtete Therapie wünschen – immer vorausgesetzt, sie werden fachlich begleitet und nicht in Eigenregie „zusammengebastelt“.

2. Ernährung / Diät – Low-FODMAP & Co.

Ernährung ist ein zentraler Baustein der Symptomkontrolle. Sie entscheidet nicht allein darüber, ob SIBO „geheilt“ wird, beeinflusst aber direkt, wie viel fermentierbares Material den Mikroorganismen im Dünndarm zur Verfügung steht.6,9

In der aktiven Phase profitieren viele Betroffene von einer vorübergehenden Reduktion fermentierbarer Kohlenhydrate, also FODMAPs. FODMAPs sind kurzkettige Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die schlecht aufgenommen werden können und durch Bakterien vergoren werden. Dadurch können Gasbildung, Blähbauch, Bauchschmerzen und Durchfall verstärkt werden.6,9

  • Typisch FODMAP-reiche Lebensmittel sind z.B. Zwiebeln, Knoblauch, Hülsenfrüchte, Weizenprodukte, bestimmte Obstsorten, Milchprodukte mit Laktose und Zuckeralkohole.
  • Eine strenge Low-FODMAP-Phase sollte nicht dauerhaft und idealerweise ernährungsfachlich begleitet erfolgen.6,9
  • Langfristig geht es nicht um maximale Einschränkung, sondern um eine individuell verträgliche, nährstoffreiche Ernährung, die auch das Dickdarmmikrobiom unterstützt.6

3. Ursachen und Begleiterkrankungen behandeln

Eine reine Antibiotika- oder Diätstrategie reicht oft nicht aus, wenn die Ursache bestehen bleibt. Rückfälle sind wahrscheinlicher, wenn Motilitätsstörungen, anatomische Probleme, bestimmte Medikamente oder Grunderkrankungen nicht berücksichtigt werden.1,3,10

  • Motilitätsstörungen erkennen und behandeln, z.B. mit Bewegung, Essenspausen, Stressmanagement oder ärztlich verordneten Prokinetika.
  • Säureblocker nur so lange und so hoch dosiert einsetzen, wie medizinisch sinnvoll.
  • Begleiterkrankungen wie Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Schilddrüsenfehlfunktionen, Diabetes oder Bauchspeicheldrüsenprobleme mitbehandeln.
  • Nährstoffmängel, z.B. Vitamin B12 oder fettlösliche Vitamine, gezielt prüfen und ausgleichen.1,3,6

6. Probiotika, Präbiotika und Ballaststoffe bei SIBO

Probiotika und Präbiotika sind bei SIBO ein häufig diskutiertes Thema. Die zentrale Frage lautet: Soll man bei einer bakteriellen Überwucherung zusätzliche Mikroorganismen oder „Bakterienfutter“ geben? Die Antwort ist nicht schwarz-weiß.7,10

Probiotika: sinnvoll oder riskant?

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge gesundheitliche Effekte haben können. Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Probiotika bei SIBO hilfreich sein können, z.B. im Rahmen einer Gesamttherapie oder nach antibiotischer Behandlung. Gleichzeitig gilt: Der Nutzen hängt stark vom jeweiligen Stamm, der Dosis, dem Zeitpunkt und der individuellen Situation ab.7,10

Eine Metaanalyse fand Hinweise auf verbesserte Dekontaminationsraten und reduzierte Wasserstoffwerte unter Probiotika, konnte aber keine klare vorbeugende Wirkung zeigen. Neuere Übersichten betonen ebenfalls, dass Probiotika ein ergänzender Baustein sein können, aber nicht als pauschale Standardtherapie für alle SIBO-Patienten verstanden werden sollten.7,10

Wo Vorsicht geboten ist

  • Bei starkem Blähbauch, Brain Fog, ausgeprägter Gasbildung oder schlechter Motilität können Probiotika individuell auch Beschwerden verstärken.
  • Nicht jedes Produkt ist gleich: „Ein Probiotikum“ gibt es nicht, denn Stämme unterscheiden sich deutlich in Wirkung und Verträglichkeit.
  • Probiotika sollten bei SIBO eher gezielt, zeitlich begrenzt und idealerweise fachlich begleitet eingesetzt werden.

Präbiotika und Ballaststoffe: wichtig, aber Timing zählt

Präbiotika sind unverdauliche Nahrungsbestandteile, die Darmbakterien als Nahrung dienen. Dazu gehören z.B. Inulin, Fructooligosaccharide, Galactooligosaccharide und resistente Stärke. Im gesunden Dickdarm können sie die Darmflora unterstützen. Bei aktiver SIBO können stark fermentierbare Ballaststoffe jedoch im Dünndarm zu früh vergoren werden und Beschwerden verstärken.6,10

Das bedeutet nicht, dass Ballaststoffe schlecht sind. Im Gegenteil: Langfristig sind sie für Darmgesundheit, Stuhlregulation und Mikrobiom wichtig. Entscheidend sind Timing, Menge und individuelle Verträglichkeit. Häufig ist es sinnvoll, fermentierbare Ballaststoffe in der aktiven Phase zu reduzieren und nach Stabilisierung langsam wieder aufzubauen.6,10

Baustein Möglicher Nutzen Wichtige Vorsicht
Probiotika Können je nach Stamm Symptome, Mikrobiom und Therapieerfolg unterstützen. Nicht pauschal einsetzen; bei manchen Betroffenen Verschlechterung von Blähungen möglich.7,10
Präbiotika Langfristig wichtig für Dickdarmflora und Darmbarriere. In aktiver SIBO können sie Gasbildung verstärken; langsam einschleichen.6,10
Low-FODMAP Kann Symptome durch weniger fermentierbare Kohlenhydrate reduzieren. Nicht als Dauerdiät gedacht; Wiederaufbau und Vielfalt sind wichtig.6,9

7. Was heißt das konkret für dich?

Wenn du seit längerer Zeit unter Blähbauch, Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung oder wechselnden Stuhlgewohnheiten leidest, kann eine gezielte Abklärung auf SIBO oder IMO sinnvoll sein. Besonders dann, wenn Beschwerden nach Infekten, Operationen, Antibiotika, Säureblockern oder bei bekannten Grunderkrankungen begonnen haben.1,2,3

Goldene Regeln im Alltag

  • Erst Diagnose, dann Therapie: Ein Atemtest auf Wasserstoff und Methan kann helfen, SIBO und IMO besser einzuordnen.2,4
  • Nicht nur Symptome dämpfen: Eine wirksame Therapie berücksichtigt auch Ursachen wie Motilität, Anatomie, Medikamente und Begleiterkrankungen.1,3
  • Antibiotika gezielt einsetzen: Rifaximin und andere Antibiotika können sinnvoll sein, gehören aber in ärztliche Hand.2,5
  • Ernährung individuell anpassen: Eine vorübergehende FODMAP-Reduktion kann helfen, sollte aber nicht zu einer unnötig restriktiven Langzeitdiät werden.6,9
  • Probiotika mit Bedacht: Nicht wahllos viele Produkte kombinieren, sondern gezielt, zeitlich begrenzt und nach Verträglichkeit einsetzen.7,10
  • Ballaststoffe wieder aufbauen: Nach Stabilisierung sollte die Ernährung Schritt für Schritt vielfältiger werden, damit auch das Dickdarmmikrobiom unterstützt wird.6,10

8. FAQ: Die wichtigsten Fragen zu SIBO

Was ist SIBO einfach erklärt?

SIBO ist eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms. Dabei vermehren sich Mikroorganismen im Dünndarm übermäßig oder befinden sich dort in ungünstiger Zusammensetzung. Sie vergären Nahrung zu früh, bilden Gase und können dadurch Blähbauch, Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung und manchmal Nährstoffmängel verursachen.1,3

Wie merkt man, ob man SIBO hat?

Typische Hinweise sind Blähbauch nach dem Essen, starke Gasbildung, Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung oder wechselnde Stuhlgewohnheiten. Sicher erkennen lässt sich SIBO dadurch aber nicht. Die Beschwerden überschneiden sich mit Reizdarm, Unverträglichkeiten und anderen Darmerkrankungen. Deshalb ist eine gezielte Diagnostik wichtig.1,2,6

Welcher Test wird bei SIBO gemacht?

Häufig wird ein Wasserstoff- und Methan-Atemtest mit Glukose oder Laktulose verwendet. Dabei wird gemessen, ob Wasserstoff oder Methan nach Einnahme der Testlösung auffällig ansteigen. Der Test ist praktisch, muss aber korrekt vorbereitet und im klinischen Kontext interpretiert werden.2,3,4

Was ist der Unterschied zwischen SIBO und IMO?

SIBO beschreibt eine bakterielle Überwucherung im Dünndarm. IMO steht für Intestinal Methanogen Overgrowth und meint eine Überwucherung methanbildender Archaeen. IMO wird häufiger mit Verstopfung in Verbindung gebracht, während wasserstoffdominante SIBO häufiger mit Durchfall oder wechselnden Stuhlgewohnheiten einhergehen kann.2,8

Hilft Rifaximin bei SIBO?

Rifaximin ist eines der am besten untersuchten Antibiotika bei SIBO und kann bei vielen Betroffenen Beschwerden und Atemtestwerte verbessern. Es ist trotzdem kein Selbstmedikationsmittel. Ob Rifaximin geeignet ist, wie lange es eingenommen wird und ob Kombinationen nötig sind, sollte ärztlich entschieden werden.2,5

Sollte man bei SIBO Probiotika nehmen?

Probiotika können bei manchen Menschen unterstützend wirken, sind aber keine pauschale Standardlösung. Die Wirkung hängt vom Stamm, der Dosis, der Situation und der Verträglichkeit ab. Bei manchen Betroffenen können Probiotika Blähungen oder Brain Fog verstärken. Deshalb sollten sie gezielt und nicht wahllos eingesetzt werden.7,10

Ist eine Low-FODMAP-Diät bei SIBO sinnvoll?

Eine vorübergehende Low-FODMAP-Ernährung kann Beschwerden reduzieren, weil weniger fermentierbare Kohlenhydrate im Darm ankommen. Sie heilt SIBO aber nicht zuverlässig allein und sollte nicht dauerhaft streng durchgeführt werden. Ziel ist eine individuell verträgliche, möglichst vielfältige Ernährung.6,9

Erweitertes Glossar: Wichtige Fachbegriffe

Glossar: Wichtige Fachbegriffe zu SIBO

SIBO
Small Intestinal Bacterial Overgrowth, also eine bakterielle Fehlbesiedlung bzw. Überwucherung des Dünndarms.1,3
Dünndarmfehlbesiedlung
Deutscher Begriff für SIBO. Gemeint ist eine übermäßige oder ungünstige bakterielle Besiedlung im Dünndarm.
IMO
Intestinal Methanogen Overgrowth. Dabei sind methanbildende Archaeen vermehrt aktiv; häufig besteht ein Zusammenhang mit Verstopfung.2,8
Atemtest
Diagnostisches Verfahren, bei dem nach Einnahme von Glukose oder Laktulose Wasserstoff und Methan in der Ausatemluft gemessen werden.2,4
FODMAPs
Fermentierbare Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die bei empfindlichen Menschen Gasbildung, Blähungen, Bauchschmerzen oder Durchfall verstärken können.6,9
Rifaximin
Ein lokal im Darm wirkendes Antibiotikum, das bei SIBO häufig eingesetzt und in Studien untersucht wurde. Die Anwendung gehört in ärztliche Hand.2,5
Probiotika
Lebende Mikroorganismen, die je nach Stamm und Situation gesundheitliche Effekte haben können. Bei SIBO sollten sie gezielt und individuell eingesetzt werden.7,10
Präbiotika
Unverdauliche Nahrungsbestandteile, die Darmbakterien als Nahrung dienen. Langfristig wichtig, bei aktiver SIBO aber manchmal symptomverstärkend.6,10
Motilität
Beweglichkeit des Darms. Eine gestörte Motilität kann dazu beitragen, dass Bakterien im Dünndarm nicht ausreichend weitertransportiert werden.1,3

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10. Quellen

  1. Quigley, E. M. M., Murray, J. A., & Pimentel, M. (2020). AGA Clinical Practice Update on Small Intestinal Bacterial Overgrowth: Expert Review. American Gastroenterological Association.
    Abgerufen von https://gastro.org/clinical-guidance/diagnosis-and-management-of-small-intestinal-bacterial-overgrowth-sibo/
  2. Pimentel, M., Saad, R. J., Long, M. D., & Rao, S. S. C. (2020). ACG Clinical Guideline: Small Intestinal Bacterial Overgrowth. American Journal of Gastroenterology, 115(2), 165–178. Zusammenfassung bei MDCalc.
    Abgerufen von https://www.mdcalc.com/guidelines/10394/acg/small-intestinal-bacterial-overgrowth
  3. MSD Manual Professional Edition. Small Intestinal Bacterial Overgrowth (SIBO).
    Abgerufen von https://www.msdmanuals.com/professional/gastrointestinal-disorders/malabsorption-syndromes/small-intestinal-bacterial-overgrowth-sibo
  4. Rezaie, A., Buresi, M., Lembo, A., et al. (2017). Hydrogen and Methane-Based Breath Testing in Gastrointestinal Disorders: The North American Consensus. American Journal of Gastroenterology, 112, 775–784.
    Abgerufen von https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28323273/
  5. Gatta, L., Scarpignato, C., McCallum, R. W., et al. (2017). Systematic review with meta-analysis: rifaximin is effective and safe for the treatment of small intestine bacterial overgrowth. Alimentary Pharmacology & Therapeutics, 45(5), 604–616.
    Abgerufen von https://doi.org/10.1111/apt.13928
  6. American Gastroenterological Association GI Patient Center. (2024). Small intestinal bacterial overgrowth (SIBO): Managing with diet.
    Abgerufen von https://patient.gastro.org/small-intestinal-bacterial-overgrowth-sibo-managing-with-diet/
  7. Zhong, C., Qu, C., Wang, B., Liang, S., & Zeng, B. (2017). Probiotics for Preventing and Treating Small Intestinal Bacterial Overgrowth: A Meta-Analysis and Systematic Review of Current Evidence. Journal of Clinical Gastroenterology, 51(4), 300–311.
    Abgerufen von https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28267052/
  8. Mehravar, S., Takakura, W., Wang, J., Pimentel, M., Nasser, J., & Rezaie, A. (2025). Symptom Profile of Patients With Intestinal Methanogen Overgrowth: A Systematic Review and Meta-analysis. Clinical Gastroenterology and Hepatology, 23(7), 1111–1122.e9.
    Abgerufen von https://doi.org/10.1016/j.cgh.2024.07.020
  9. Monash FODMAP. Low FODMAP Diet research.
    Abgerufen von https://www.monashfodmap.com/ibs-central/i-have-ibs/research/
  10. Martyniak, A., Wójcicka, M., Rogatko, I., Piskorz, T., & Tomasik, P. J. (2025). A Comprehensive Review of the Usefulness of Prebiotics, Probiotics, and Postbiotics in the Diagnosis and Treatment of Small Intestine Bacterial Overgrowth. Microorganisms, 13(1), 57.
    Abgerufen von https://www.mdpi.com/2076-2607/13/1/57
  11. Thabane, M., Kottachchi, D. T., & Marshall, J. K. (2007). Systematic review and meta‑analysis: The incidence and prognosis of post‑infectious irritable bowel syndrome. Alimentary Pharmacology & Therapeutics, 26(4), 535–544.

  12. Barbara, G., Grover, M., Bercik, P., Corsetti, M., Ghoshal, U. C., Ohman, L., … & Quigley, E. M. M. (2019). Rome Foundation Working Team Report on Post‑Infection Irritable Bowel Syndrome. Gastroenterology, 156(1), 46–58.e7.

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